„Das erträgliche Maß ist erreicht“: Städte wehren sich gegen neue Pipeline

08.10.2026

OGE will CO₂ unter anderem durch den Kreis Mettmann transportieren – Hilden und Langenfeld lehnen das ab

Seit rund 20 Jahren streiten sich die Städte und Bürgerinitiativen im südlichen Kreis Mettmann mit einem Chemiekonzern wegen der Verlegung und Inbetriebnahme einer Kohlenmonoxid-Rohrleitung. Somit ist es keine Überraschung, dass auch der Plan für eine weitere Pipeline auf Gegenwehr stößt. Diesmal geht es um den Transport von Kohlenstoffdioxid (CO₂) quer durch den Niederrhein und das Bergische Land. Wir haben berichtet.

Derzeit läuft die Raumverträglichkeitsprüfung für das Projekt Delta Rhine Corridor (DRC) der Open Grid Europe GmbH (OGE) aus Essen. Dazu können alle Bürgerinnen und Bürger bis zum 26. Oktober 2026 im Beteiligungsportal des Landes Nordrhein-Westfalen ihre Anregungen oder Bedenken offiziell einreichen.

Die Stadt Hilden hat sich bereits positioniert, lehnt das Projekt ab und hat ihre Haltung nun noch einmal in einem aktuellen Statement kundgetan. Die Stadt Langenfeld will sich nun anschließen.


Worum geht es?

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Was plant die OGE?

Die rund 200 Kilometer lange Trasse beginnt in Gelsenkirchen-Scholven und verläuft bis Duisburg-Süd. Ab dort geht ein Strang über Krefeld nach Venlo, eine zweite Abzweigung führt über Düsseldorf und Teile des Kreises Mettmann (Hilden, Langenfeld und Monheim) über Leverkusen nach Köln-Wesseling.

Trassenverlauf-CO2-Pipeline-OGE-Kreis-Mettmann

Anliegende Unternehmen aus den Sparten Chemie, thermische Abfallbehandlung sowie Verarbeitung von Kalk, Stahl, Papier u.ä. können ihre Emissionen an diese Leitung abführen. So soll die Abgabe von CO₂ an die Umwelt vermieden werden, sagt die OGE.

Alle Infos zum Leitungsbauvorhaben, zusammengestellt von der Open Grid Europe GmbH, gibt es (auf rund 70 Seiten) in einer Verwaltungsvorlage der Stadt Hilden nachzulesen.

 

Hilden befürchtet Eingriffe in die Natur und Wohngebiete sowie Gesundheitsgefahren

Angrenzend betroffene Kommunen wollen sich nun gegen das Vorhaben wehren.

Die Stadtverwaltung Hilden hat ihre Kritik bereits im Sommer formuliert und nun ergänzt:

  • Durch die Leitung fließt eine „bislang unerprobte Mischung aus Gasen vieler beteiligter Industrien“, z.B. Chemie, Raffinerien, Zementfabriken oder Gaskraftwerken. Das erhöhe das Risiko von Rissen.
  • CO₂ ist nicht toxisch wie Kohlenmonoxid, kann aber in hohen Konzentrationen gefährlich und (insbesondere in geschlossenen Räumen) tödlich sein. Bei einem Leck oder Loch in der Leitung drohen u.a. Erstickung sowie Störungen bei Atemregulation und der Gehirnfunktion (Hyperkapnie).
  • Durch das dicht besiedelte Hildener Stadtgebiet laufen bereits zahlreiche andere Transportleitungen: „Neue Leitungstrassen können je nach Trassenverlauf beispielsweise Auswirkungen auf die Nutzung von Grundstücken, Grünflächen und Freiräumen haben und damit auch zukünftige Entwicklungsmöglichkeiten der Stadt einschränken“, heißt es in einer neuen Mitteilung. „Aus Sicht Hildens stellt sich daher die grundsätzliche Frage, wie viel zusätzliche Infrastruktur ein ohnehin dicht besiedeltes und stark belastetes Stadtgebiet noch aufnehmen kann.“
  • Bei einer Trassenführung entlang der A3 seien „Eingriffe in Natur und Landschaft“ zu befürchten. Wegen der knappen Flächen auf Hildener Stadtgebiet seien „keine größeren Ausgleichsmaßnahmen“ realisierbar.
  • Die betriebsbedingten Auswirkungen seien „noch nicht abschließend beschreibbar, weil es noch keine Standards für den Betrieb von Transportleitung von gemischten CO₂ gibt“.
  • Die Trassenführung durch den Bereich Hilden-Ost verläuft „durch Areale, die durch den Gebietsentwicklungsplan, Flächennutzungsplan sowie Bebauungsplan als Siedlungsbereich dargestellt bzw. festgesetzt sind. Im dichtbesiedelten Stadtgebiet lässt sich ein angemessener Abstand nicht realisieren.“
  • Auch Fauna-Flora-Habitat-Gebiete, diverse Straßen, Wege, unterirdische Leitungen, Kanäle und Grünflächen sowie Grundstücke seien vom Trassenverlauf betroffen.
  • Der Plan sieht „keine linksrheinische Trassenführung“ vor: „Gerade weil eine Trassenführung durch Hilden mit erheblichen Konflikten verbunden sein kann, darunter Siedlungsnähe, Natur- und Landschaftsschutz, bestehende Leitungsinfrastruktur, Flächenknappheit und der geplante Ausbau der A3, hält die Stadt eine umfassende Alternativprüfung für erforderlich“, schreibt das Hildener Rathaus weiter.

 

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Die Stadt Hilden stellt daher mehrere Forderungen auf:

  • eine umfassende Prüfung von Trassenalternativen, ausdrücklich auch eines linksrheinischen Verlaufs;
  • einen ausreichenden Abstand zu Allgemeinen Siedlungsbereichen und damit zu Wohngebieten;
  • den Erhalt des vorhandenen Baumbestands, insbesondere wegen der Nähe möglicher Trassen zu Wohngebieten;
  • eine ortsnahe Kompensation unvermeidbarer Eingriffe in Natur und Landschaft;
  • die Entwicklung und Festlegung verbindlicher Sicherheitsstandards für den Transport gemischter CO₂-Ströme, bevor die Pipeline in Betrieb geht;
  • den Schutz von Straßen, Wegen, Leitungen, Kanälen und Grünflächen;
  • eine frühzeitige und verbindliche Abstimmung der Bauarbeiten mit der Stadt Hilden;
  • eine nachvollziehbare Berücksichtigung der bereits vorhandenen Vorbelastung des Stadtgebiets sowie der weiteren geplanten Infrastruktur, insbesondere des A3-Ausbaus.

 

Langenfeld fordert: Anschluss an Kölner Leitung statt Bau einer neuer Trasse

In Langenfeld soll der Planungs-, Umwelt- und Klimaausschuss am 8. Oktober 2026 die Stellungnahme der Verwaltung zur Weiterleitung an die Bezirksregierung Düsseldorf freigeben. 

Warum will die Stadtspitze keine weitere Pipeline vor der Haustür?

„Mit drei Autobahnen, drei Eisenbahnstrecken, zwei Hochspannungsfreileitungstrassen und zahlreichen unterirdischen überörtlichen Pipelinetrassen sind bereits heute die kommunale Planungshoheit und die Entwicklungsmöglichkeiten der Stadt Langenfeld stark eingeschränkt. Aus der Sicht der Stadt Langenfeld ist das erträgliche Maß möglicher Trassenführungen im Stadtgebiet weitgehend erreicht“, heißt es in der Vorlage.

 

Eine neue Rohrleitung sei auch nicht notwendig, da die OGE bereits mit der geplanten Leitung „Ruhbens“ die Industrieanlagen in Köln-Wesseling mit der belgischen Grenze verbinden will. Von hier aus soll das CO₂ weiter zu Offshore-Lagerstätten in der Nordsee transportiert werden. Die Chemparks in Leverkusen und Dormagen könnten sich nach Ansicht der Stadt Langenfeld dieser Leitung anschließen: „Somit ist eine Anbindung (…) über die durch den Kreis Mettmann geplante Leitung DRC nicht erforderlich, zumal sich innerhalb des Kreises Mettmann keine nennenswerten Produzenten oder potenziellen Abnehmer von CO₂ befinden, die einen Bedarf begründen könnten“, meint das Langenfelder Rathaus.

 

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Darüber hinaus macht die Stadt Langenfeld auf die „potenzielle gegenseitige Gefährdung gebündelter Infrastrukturtrassen im Havariefall“ aufmerksam, zum Beispiel wenn ein verunfallter LKW von einer Autobahnbrücke auf darunter liegende Produktleitung fällt oder die CO₂-Pipeline beschädigt wird und gefährliche Stoffe aus parallel geführten Pipelines austreten.

Außerdem befinde sich der Trassenkorridor in einer „sensiblen Wasserschutzzone“ des Gebietes Langenfeld-Monheim.

 

Nun bleibt also abzuwarten, inwieweit hier eine Lösung gefunden werden kann – und ob auch dieser Streit jetzt mehrere Jahre dauern wird.

 

Bericht: KA

Foto/Grafiken: OGE

 

Weitere Nachrichten aus Hilden gibt es unter www.anzeiger24.de/hilden/news/

 

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