„Ich wollte eigentlich nie Bürgermeister werden“
29.10.2026Gerold Wenzens zum bevorstehenden einjährigen Amtsjubiläum im Gespräch mit anzeiger24.de
Mehr als drei Jahrzehnte Kommunalpolitik und trotzdem war das Bürgermeisteramt für Gerold Wenzens lange kein persönliches Ziel. Zum bevorstehenden ersten Amtsjubiläum erzählt Langenfelds Bürgermeister im Gespräch mit anzeiger24.de, wie sich das geändert hat, weshalb ihm seine Familie dabei besonders wichtig war und was das Amt mit seinem Alltag macht.
Bereits mit 22 Jahren engagierte sich Wenzens im Langenfelder Stadtrat. Er gehört zu den Mitbegründern der BGL Bürgergemeinschaft Langenfeld und hat die Kommunalpolitik seiner Heimatstadt seit 1994 mitgestaltet. Der Wunsch, eines Tages selbst an der Spitze des Rathauses zu stehen, entwickelte sich jedoch erst viel später.
Als absehbar war, dass der langjährige Bürgermeister Frank Schneider (CDU) nicht erneut kandidieren würde, sprachen Freunde, Bekannte und politische Weggefährten Wenzens auf eine mögliche Kandidatur an. Zunächst winkte er ab. Doch nach und nach begann ihn die Aufgabe zu faszinieren.
Entscheidend war für ihn eine Frage: Würden seine Frau und seine beiden Kinder diesen Schritt mittragen? Sie taten es und gaben ihm damit den Rückhalt für eine Entscheidung, die auch das Familienleben verändern würde.
„Ein Stück Heimat verloren“
Was sich für ihn persönlich seit dem Amtsantritt verändert habe? Wenzens antwortet überraschend offen: Er habe „ein Stück Heimat verloren“.
Damit meint er die Unbefangenheit, mit der er sich früher durch Langenfeld bewegen konnte. Heute ist er überall Bürgermeister: beim Einkaufen, auf Veranstaltungen oder unterwegs in der Stadt. Menschen erkennen ihn, sprechen ihn an, haben Fragen und Anliegen. Für ihn gehört das zum Amt, und er nimmt diese Begegnungen gerne an.
Doch einfach Privatperson zu sein, ist schwieriger geworden. Auch ein ungezwungener Moment steht plötzlich unter öffentlicher Beobachtung.
Als Beispiel nennt er einen tanzenden Bürgermeister und stellt sich dabei selbst die Frage, wie die Menschen darauf reagieren würden. Seine Heimat ist dieselbe geblieben. Seine Rolle darin hat sich verändert.
Schulraum schaffen und gemeinsam vorankommen
Zu den Vorhaben, auf die Wenzens in seinem ersten Amtsjahr besonders stolz ist, gehört die Schulentwicklung. Den dringend benötigten zusätzlichen Schulraum habe er bereits nach wenigen Monaten in die politische Beschlussfassung bringen können.
Konkret geht es um den Ausbau der Prismaschule. Die städtischen Planungen sehen unter anderem ein neues Gebäude für die Klassen fünf bis zehn auf dem Parkplatz am Freiherr-vom-Stein-Haus vor. Für die Oberstufe ist ein Neubau auf dem Sportplatz „Hinter den Gärten“ vorgesehen. Die mögliche Gründung einer weiteren Gesamtschule wird davon getrennt betrachtet.
Besonders wichtig ist Wenzens dabei das politische Miteinander. Nach seiner Darstellung im Gespräch sei es gelungen, für das Schulbauvorhaben auf dem Parkplatz am Freiherr-vom-Stein-Haus die Zustimmung aller (!) Parteien zu gewinnen. Das bestärkt ihn in seiner Zuversicht, dass die neuen Räume innerhalb der kommenden zwei Jahre für den Unterricht genutzt werden können.
„Langenfeld kann mehr“
Eine weitere Herzensangelegenheit ist für ihn eine Stadt, die schöner, sicherer und sauberer wird. „Langenfeld kann mehr“ lautet sein Anspruch.
Dazu gehören klare Regeln für das Zusammenleben im öffentlichen Raum. Eine Grundlage dafür ist die ordnungsbehördliche Verordnung zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung. Für Wenzens zählt jedoch ebenso, dass die Verwaltung sichtbar und ansprechbar ist.
Das Rathaus soll sich öffnen und den Menschen entgegenkommen. Ein Beispiel sind die regelmäßigen Bürgersprechstunden des Ordnungsamtes in den Stadtteilen. Dort können Bürger Fragen stellen, Probleme schildern und Hinweise geben, etwa zur Sauberkeit, zum Verkehr oder zum persönlichen Sicherheitsgefühl.
Auch digital sucht Wenzens den direkten Kontakt. In seinem Videoformat „Wenzens Woche“ erläutert er regelmäßig aktuelle Langenfelder Themen. Über die Resonanz freut er sich besonders: Einzelne Beiträge erreichen mehr als 20.000 Aufrufe. Für ihn ist das eine gute Möglichkeit, Entscheidungen und Hintergründe verständlich zu erklären.
Haushalt: Verantwortung auch bei Gegenwind
Die größte politische Aufgabe der kommenden Monate ist für Wenzens die Verabschiedung des Haushalts. Sein Vorschlag, die Grundsteuer deutlich und die Gewerbesteuer moderat zu erhöhen, findet keineswegs überall Zustimmung.
Im Gespräch beschreibt er nochmals sein Ziel: Innerhalb der nächsten vier bis fünf Jahre soll der Haushalt wieder ausgeglichen werden. Langenfeld habe lange mit Stolz auf seine Schuldenfreiheit geblickt. Diesen finanziellen Handlungsspielraum möchte er für die Zukunft sichern.
Dass Steuererhöhungen Gegenwind auslösen, überrascht ihn nicht. Entscheidend sei für ihn, eine tragfähige Lösung für die Stadt zu finden. Zugleich verbindet er seinen Vorschlag aber auch mit einer Perspektive: Wenn die finanzielle Lage es wieder zulasse, sollten die Steuern auch wieder sinken.
Nach knapp einem Jahr im Amt zeigt sich Gerold Wenzens als Bürgermeister, der die Verantwortung angenommen hat, mit ihren Gestaltungsmöglichkeiten und ihren persönlichen Einschränkungen. Das Amt war lange nicht sein Ziel. Heute will er es nutzen, um für Langenfeld etwas zu bewegen.
Das Gespräch führte Thomas W. Lopp
Foto: Stadt Langenfeld
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