Gen Z: Große Forderungen – dünne Begründungen?

07.11.2026

Generation Zukunft oder Generation Zumutung?

***Leitartikel***

Junge Menschen gehen auf die Straße. Sie wollen bessere Schulen, bezahlbare Wohnungen und eine lebenswerte Zukunft. Wer wollte das nicht? Doch bei „Gen Z regelt“ klingt vieles so, als lasse Deutschland seine Jugend im Stich. Als werde überall gespart und für die Jungen bleibe nichts übrig. Deshalb lohnt sich ein genauerer Blick. Denn manches klingt auf dem Demonstrationsplakat überzeugend, hält aber einer Überprüfung nicht stand.

 

Bildung: Wo bleibt das ganze Geld? 

Bund, Länder und Gemeinden gaben 2024 rund 198 Milliarden Euro für Bildung aus. 2016 waren es noch lediglich  133 Milliarden Euro. Das sind innerhalb von nur acht Jahren knapp 50 Prozent mehr. Von einem Staat, der bei der Bildung insgesamt den Geldhahn zudreht, kann also keine Rede sein.

 

Trotzdem gibt es kaputte Schulen und Unterrichtsausfall. Genau das wirft die entscheidende Frage auf: Was passiert mit dem Geld? Wo fehlt es tatsächlich? Wo wird schlecht geplant? Wo dauert alles zu lange? Einfach „mehr Geld“ zu rufen, reicht da nicht. Die Politik muss erklären, warum trotz steigender Ausgaben so vieles nicht funktioniert. Und die Demonstranten sollten sagen, was sich konkret ändern soll.

 

Auch bei Suchthilfe und Psychotherapie muss genau hingeschaut werden: Wo fehlen Plätze und Personal? Was hilft gegen lange Wartezeiten? Ein allgemeiner Ruf gegen das Sparen ersetzt diese Antworten nicht.

 

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Wohnen und Studium war schon immer teuer 

Ja, ein Zimmer in einer Hochschulstadt kann heute richtig teuer sein. Das ist ein Problem. Aber die Vorstellung, frühere Studenten hätten mühelos ihre eigene Wohnung bezahlt, ist falsch. Kleine Zimmer, Wohngemeinschaften und Nebenjobs sind seit Jahrzehnten Alltag.

Und aller Kritik zum Trotz sind auch die staatliche Hilfen gestiegen: Der BAföG-Höchstsatz für auswärts wohnende Studenten mit eigener studentischer Kranken- und Pflegeversicherung erhöhte sich zwischen 2016 und 2024 von 735 Euro auf 992 Euro. Ein Plus von rund 35 Prozent, dem lediglich etwa 26 Prozent allgemeiner Teuerung gegenüberstand.

 

Natürlich bekommt nicht jeder diesen Höchstsatz. Und eine teure Wohnung wird dadurch nicht billig. Aber wer über die Belastungen spricht, sollte auch die gestiegene Unterstützung erwähnen.

Die Forderung, Lasten gerechter zu verteilen, klingt immer gut. Nur: Wer soll mehr bezahlen? Welche Ausgaben sollen dafür wegfallen? Und welchen eigenen Beitrag hält man für zumutbar? Das gehört zur Debatte dazu.

 

Wehrpflicht: Wer sorgt für unsere Sicherheit? 

Niemand muss sich eine Wehrpflicht wünschen. Gerade junge Menschen dürfen dagegen protestieren. Sie wären schließlich unmittelbar betroffen. Aber mit einem „Wir wollen nicht“ ist die Frage und das dahinter stehende Problem nicht erledigt. Was geschieht, wenn sich nicht genügend Freiwillige melden? Wer übernimmt dann die Aufgabe?

Wer den Frieden bewahren will, muss sich auch Gedanken darüber machen, wie das Land geschützt werden soll. Sicherheit fällt nicht vom Himmel. Und sie kann nicht immer die Aufgabe der anderen sein.

 

Überwachung: Bitte konkret werden 

Die Forderung nach dem Schutz von Grundrechten unterschreibt wohl fast jeder. Aber welche Überwachung ist gemeint, wenn dagegen protestiert wird? Welche Maßnahme geht zu weit? Und wie soll die Polizei schwere Straftaten aufklären können? Darüber kann und muss man streiten. Dazu braucht es allerdings konkrete Beispiele und Vorschläge. Sonst bleibt am Ende nur eine große Forderung, bei der niemand genau weiß, was eigentlich geändert werden soll.

 

Klimaschutz: Wer trägt die Kosten? 

Eine saubere Umwelt und eine lebenswerte Zukunft wollen wir alle. Doch auch hier beginnt die schwierige Arbeit erst nach dem Beifall. Welche Maßnahmen sollen es sein? Was kosten sie? Wer bezahlt sie? Und was ist, wenn dadurch Wohnen, Heizen oder Autofahren teurer werden, obwohl das Leben zugleich bezahlbarer werden soll?

Wer beides fordert, muss erklären, wie es zusammenpasst.

Deutschland allein kann das Weltklima außerdem nicht retten. Dazu müssten auch die großen Emittenten in China, USA und Indien ihren Ausstoß senken.

 

Ist hier wirklich alles so schlecht? 

Bei allem Ärger darf man auch einmal darauf hinweisen, was junge Menschen in und von Deutschland haben. Sie sind hier ohne Krieg aufgewachsen. Medizinische Versorgung, Schulbildung und soziale Absicherung gehören zum Alltag. Ein Smartphone ist für viele selbstverständlich. Wissen aus aller Welt ist nur einen Griff in die Hosentasche entfernt.

 

Hinzu kommt ein weitgehend gebührenfreies Studium an staatlichen Hochschulen. Im Wintersemester 2024/25 waren hier rund 492.000 Studenten mit ausländischer Staatsangehörigkeit eingeschrieben. Nicht alle sind eigens zum Studium gekommen. Aber der internationale Zuspruch zeigt: Ganz so schlecht kann unser Hochschulangebot offenbar nicht sein.

 

Das alles ist keine Garantie für ein sorgenfreies Leben. Es ist aber eine gute Ausgangslage, die man auch anerkennen sollte. Und vielleicht muss sich ein Teil der Protestgeneration fragen lassen: Ist es inzwischen so selbstverständlich geworden, dass für alles gesorgt wird, dass schon die ersten größeren Schwierigkeiten Angst machen? Erwartet man, dass Eltern oder Staat jedes Hindernis aus dem Weg räumen?

 

Erwachsenwerden heißt auch, selbst Lösungen zu suchen, Rückschläge auszuhalten und Verantwortung zu übernehmen. Zukunftsangst sollte deshalb kein Grund sein, die eigenen Möglichkeiten zu unterschätzen.

 

Unser Video zeigt den Abschluss der Demo auf dem Johannes Rau Platz in Düsseldorf

 

Nicht vor fremde Karren spannen lassen 

„Gen Z regelt“ muss außerdem aufpassen, wer sich an ihre Proteste anhängt. Wer bessere Schulen und günstigere Wohnungen will, braucht keine Begleitmusik aus revolutionären Parolen. Wer die „Internationale“ singt, darf das selbstverständlich tun. Allerdings wird davon keine einzige Schule saniert und nicht eine einzige Wohnung günstiger.

Die Bewegung muss entscheiden: Will sie konkrete Verbesserungen erreichen? Oder will sie die Bühne für Gruppen liefern, die ihren ganz eigenen politischen Kampf führen? Noch klarer muss die Grenze bei Gewalt und Einschüchterung sein. Die Initiative hat sich von Gewalt distanziert. Das ist richtig. Friedliche Demonstranten können nichts für die Straftaten anderer. Aber die Ausschreitungen haben gezeigt, wie schnell dabei die eigentlichen Anliegen untergehen.

 

Wer ernst genommen werden will, muss deshalb mehr liefern als laute Empörung: gute Argumente, machbare Vorschläge und eigenen Einsatz. „Gen Z regelt“ ist ein großer Name. Aber noch ist nicht ausgemacht, in welche Richtung die Bewegung läuft .

  

Quellen:

  • Forderungen, Proteste und Abgrenzung von Gewalt: tagesschau.de, „Aktionstag von ‚Gen Z regelt‘: Was bleibt vom Protest? Wie geht es weiter?“, 1. November 2026.
  • Öffentliche Bildungsausgaben: Datenportal des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt, Tabelle 2.1.13, auf Grundlage des Statistischen Bundesamtes.
  • Verbraucherpreise: Statistisches Bundesamt, Verbraucherpreisindex, Jahresdurchschnitte 2016 und 2024. Prozentvergleiche: eigene Berechnungen.
  • BAföG: Studierendenwerk Düsseldorf, „BAföG-Reform 2016“, und Deutsches Studierendenwerk, Bedarfssätze seit Herbst 2024.
  • Ausländische Studenten: Statistisches Bundesamt, Hochschulstatistik, Wintersemester 2024/25.
  • Forderungen, internationale Solidarisierung und Abgrenzung von Gewalt: tagesschau.de, „Aktionstag von ‚Gen Z regelt‘: Was bleibt vom Protest? Wie geht es weiter?“, 1. November 2026. Die Darstellung unterscheidet auch zwischen den Veranstaltungen der Initiative und anderen Gruppen.
  • Bildungsausgaben insgesamt: Datenportal des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt, Tabelle 1.9.1, auf Grundlage des Statistischen Bundesamtes. Zahlen für 2024 vorläufig; Umstellung der Datengrundlage ab 2021.
  • Öffentliche Bildungsausgaben: Datenportal des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt, Tabelle 2.1.13: 132,56 Milliarden Euro 2016 und 198,45 Milliarden Euro 2024.
  • Verbraucherpreise: Statistisches Bundesamt, Verbraucherpreisindex, Jahresdurchschnitte 2016 und 2024. Prozentuale Veränderungen: eigene Berechnungen.
  • BAföG: Studierendenwerk Düsseldorf, „BAföG-Reform 2016“, sowie Deutsches Studierendenwerk, Übersicht der Bedarfssätze seit Herbst 2024.

 

Bericht: LT

Foto/Video: anzeiger24.de

 

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