Monheims Tourismus-Zahlen: Viele Millionen, aber stimmt das auch?
18.10.2026Die Stadt meldet hohe Besucherzahlen und Millionenumsätze. Doch die Zahlen sind nur geschätzt
Der Tourismus bringt Monheim viel Geld. Diesen Eindruck vermittelte eine Mitteilung der Stadt vom 21. September. Danach haben Tages- und Übernachtungsgäste im Jahr 2024 insgesamt 50,6 Millionen Euro Umsatz in Monheim generiert. Diese Zahlen stammen aus einer Untersuchung des Tourismusberatungsunternehmens dwif. Besonders wichtig sind dabei die Tagesgäste: 1,2 Millionen Tagesreisen sollen zu 32,6 Millionen Euro Umsatz geführt haben.
anzeiger24.de wollte wissen: Woher kommen diese Zahlen? Wie viele Gäste wurden befragt? Und wie sicher sind die Ergebnisse? Die Antworten des dwif lassen aufhorchen.
Die Besucher wurden nicht gezählt sondern geschätzt!
Die genannten 1,2 Millionen Tagesreisen sind eine Schätzung. Das dwif hat die Gäste nicht gezählt. Es wurden auch keine Handy-Standortdaten oder Messungen der Besucherströme verwendet.
Die Berechnung stützt sich lediglich auf allgemeine Befragungen zum Reiseverhalten, Daten aus größeren Regionen und Informationen über Monheim. Dazu gehören etwa die Lage der Stadt, Einkaufsmöglichkeiten, Gastronomie, Freizeitangebote und Besucherzahlen einzelner Einrichtungen.
Damit lässt sich grundsätzlich zwar eine Größenordnung schätzen. Aber wie das dwif aus diesen allgemeinen Informationen genau 1,2 Millionen Tagesreisen ermitteln konnte,lässt sich nicht nachvollziehen.
Wie viele Monheim-Besucher wurden befragt?
Diese Frage hatte anzeiger24.de ausdrücklich gestellt. Eine konkrete Zahl nennt das dwif dazu aber leider nicht. Das Unternehmen erklärt lediglich: Es gibt zu wenige direkt für Monheim erfasste Fälle, um bestimmte Fragen zuverlässig zu beantworten.
Deshalb bleibt unbekannt:
- Woher kommen die Tagesgäste?
- Wie viele reisen mit Auto, Bus, Bahn oder Fahrrad an?
- Wie viele kommen wegen Sehenswürdigkeiten oder Veranstaltungen?
- Wie viele besuchen Freunde oder Verwandte?
- Wie viele geben in Monheim kein Geld aus?
Da wird am Ende eine Gesamtzahl veröffentlicht. Aber wer oder was hinter dieser Zahlsteckt, lässt sich für Monheim nicht aufschlüsseln.
Wie groß könnte der Rechenfehler sein?
Auch darauf gibt es keine konkrete Antwort. Das dwif erläutert zwar, wie genau bestimmte Befragungsergebnisse für ganz Nordrhein-Westfalen sind. Stellt aber gleichzeitig klar: Diese Genauigkeit gilt nicht für die geschätzten 1,2 Millionen Tagesreisen nach Monheim. Ob die Schätzung nahe an der Wirklichkeit liegt oder deutlich davon abweicht, bleibt damit offen.
Auch ein Besuch bei Freunden kann als Tourismus gelten
Wer „Touristen“ hört, denkt oft an Menschen, die Sehenswürdigkeiten besichtigen, eine Stadtführung machen oder ein Hotel buchen. Die Untersuchung verwendet einen viel breiteren Begriff. Denn auch gelegentliche Besuche bei Freunden und Verwandten sowie bestimmte Geschäftsreisen werden als Tagesreisende gezählt. Diese Gäste müssen weder ein Museum besuchen noch im Restaurant essen oder einkaufen.
1,2 Millionen Tagesreisende bedeuten demzufolge nicht, dass Monheims touristische Angebote 1,2 Millionen Besucher angelockt hätten. Wie viele Reisen tatsächlich auf solche Angebote zurückgehen, kann das dwif für Monheim tatsächlich nicht sagen.
Auch die Umsätze sind nur geschätzt
Nach der Untersuchung gibt ein Tagesgast durchschnittlich 27,20 Euro aus. Auch dieser Betrag stammt nicht etwa aus einer ausreichend großen Befragung von Monheim-Besuchern. Das dwif verwendet Daten aus größeren Regionen und bricht sie auf die örtlichen Verhältnisse runter. Wie diese Anpassung für Monheim genau vorgenommen wurde, bleibt unklar.
Gäste, die nichts ausgeben, werden laut dwif mit null Euro berücksichtigt. Das ist sinnvoll. Wie groß ihr Anteil in Monheim ist, weiß das Unternehmen allerdings ebenfalls nicht zu sagen.
Der Millionenumsatz ist nur eine Rechenfolge
Die 32,6 Millionen Euro Umsatz entstehen durch eine einfache Multiplikation:
1,2 Millionen Tagesreisen × 27,20 Euro = rund 32,6 Millionen Euro.
Damit werden zwei geschätzte Werte miteinander verrechnet. Liegt einer davon zu hoch oder zu niedrig, verändert sich auch der errechnete Umsatz. Der Umsatz bestätigt die Besucherzahl also nicht zusätzlich. Er hängt von ihr ab.
Das dwif hat die 32,6 Millionen Euro auch nicht aus den tatsächlichen Einnahmen Monheimer Geschäfte, Restaurants und Freizeiteinrichtungen zusammengerechnet.
Wirtschaftliche Statistiken wurden lediglich genutzt, um zu prüfen, ob die Größenordnung grundsätzlich zu Monheim passt oder passen könnte. Welche konkreten Zahlen dabei verwendet wurden und was diese Prüfung ergeben hat, wird nicht offengelegt.
Studie kostete 4.000 Euro netto
Auf Anfrage von anzeiger24.de beziffert die Stadt Monheim die Kosten der Untersuchung auf 4.000 Euro netto. Nach Angaben des dwif handelt es sich um einen einmaligen Sonderpreis für Mitglieder von Tourismus NRW e. V. im Rahmen des Tourismusbarometers Nordrhein-Westfalen. Zusatzleistungen wurden nicht beauftragt.
Die Stadt bestätigt außerdem, dass dies ihre erste Beauftragung einer solchen Studie war. Der Auftrag beschränkte sich auf das Jahr 2024.
Weitere Untersuchungen oder Auswertungen, etwa für 2025, wurden nicht beauftragt. Ein Vergleich mit früheren Studien aus einer solchen Auftragsreihe liegt damit nicht vor.
Kein Beweis für den Erfolg der Tourismuspolitik
Die Stadt verbindet die Ergebnisse mit einer positiven Bewertung ihres touristischen Engagements. Doch die Untersuchung zeigt anhand der vorliegenden Erläuterungen nicht, wie viele zusätzliche Gäste durch städtische Maßnahmen gekommen sind.
Menschen besuchen ihre Familie, treffen Freunde oder nehmen Geschäftstermine wahr. Solche Reisen könnten auch ohne neue Kulturangebote oder Stadtmarketing stattfinden. Um den Erfolg dieser Maßnahmen zu bewerten, müsste geklärt werden: Welche zusätzlichen Besuche und Ausgaben haben sie ausgelöst? Und welche Kosten stehen dem gegenüber?
Und auch wichtig: Umsatz ist weder Gewinn noch Geld für die Stadtkasse. Ausgaben der Gäste fließen zunächst an Unternehmen. Eine hohe Umsatzsumme beweist deshalb nicht, dass sich eine städtische Investition bezahlt macht.
Die vollständige Studie muss auf den Tisch
Die Antworten des dwif sind in einem Punkt klarer als die Mitteilung der Stadt: Sie benennen ausdrücklich die Grenzen der Zahlen.
Die Stadt vermittelt dagegen den Eindruck einer eindeutig belegten wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte. Genau hier liegt das Problem: Die Sicherheit der Darstellung passt nicht zu den offenen Fragen der Untersuchung.
Die Studie wurde von der Stadt Monheim bezahlt. Nach Angaben des dwif entscheidet deshalb die Stadt, ob sie vollständig veröffentlicht wird.
Die Stadt sollte deshalb die Untersuchung einschließlich der verwendeten Daten und Berechnungen offenlegen. Denn bislang ist weder bewiesen, dass die Zahlen falsch sind, noch lässt sich ihre Genauigkeit für Monheim überprüfen.
Viele Millionen Euro klingen beeindruckend. Ob sie die Wirklichkeit in Monheim ausreichend genau beschreiben – und was sie über den Erfolg der städtischen Tourismuspolitik aussagen –, bleibt indes vorerst offen.
Quelle: Stadt Monheim; dwif
Bericht: LT
Archivfoto: anzeiger24.de
Weitere Nachrichten aus Monheim gibt es unter www.anzeiger24.de/monheim/news/
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