Sind unsere Schüler zu verweichlicht – oder wirklich überfordert?
25.08.2026Aktuelle Umfrage zeigt: 61 Prozent der Schüler empfinden die schulischen Anforderungen als hoch, jeder Vierte gilt sogar als psychisch belastet
61 Prozent der Schüler sagen, an ihrer Schule werde viel verlangt. 47 Prozent erklären, auch am Wochenende lernen zu müssen, um mitzukommen. Und 25 Prozent gelten als psychisch belastet. Das neue Deutsche Schulbarometer 2025/26 der Robert Bosch Stiftung liefert bedenkliche Zahlen. Doch belegen sie tatsächlich, dass heutige Schüler stärker belastet sind als frühere Generationen?
25 Prozent belastet – aber nicht 47 Prozent psychisch krank
Für die repräsentative Studie wurden 1.507 Kinder und Jugendliche zwischen acht und 17 Jahren sowie jeweils ein Elternteil befragt.
Dabei ist eine wichtige Unterscheidung notwendig:
- 47 Prozent lernen nach eigener Aussage auch am Wochenende.
- 15 Prozent gelten als psychisch auffällig.
- Weitere zehn Prozent liegen im Grenzbereich.
Zusammen gelten damit 25 Prozent als psychisch belastet. Bei der Vorgängerstudie 2024 waren es noch lediglich 21 Prozent. Der Anstieg um vier Prozentpunkte ist ein Warnsignal. Aus lediglich zwei Erhebungen lässt sich allerdings noch kein langfristiger Trend ableiten.
Der Stress kommt nicht nur aus dem Klassenzimmer
Die Studie zeigt aber auch: Nicht jede Belastung wird durch Unterricht, Hausaufgaben oder Prüfungen verursacht. 30 Prozent der 11- bis 17-Jährigen berichten, mindestens einmal im Monat von Mitschülern schikaniert zu werden. 19 Prozent fühlen sich in der Schule unwohl oder fehl am Platz, elf Prozent sogar einsam.
Hinzu kommen Sorgen über Kriege, Klimawandel, die eigene Zukunft und die finanzielle Situation der Familie. Es handelt sich also keineswegs ausschließlich um Schulstress. Besonders betroffen sind Kinder aus einkommensschwachen Haushalten. Bei ihnen liegt der Anteil psychisch Belasteter bei 31 Prozent. Auch geringe Lebensqualität und mangelndes schulisches Wohlbefinden werden in dieser Gruppe deutlich häufiger genannt.
Mehr Wohlstand – aber neue Belastungen
Viele heutige Schüler wachsen materiell deutlich besser auf als frühere Generationen. Smartphone, Computer, Streamingdienste, Urlaubsreisen und ein eigenes Fahrrad sind für einen großen Teil selbstverständlich.
Materieller Wohlstand schützt jedoch nicht automatisch vor psychischen Problemen. Das Smartphone erleichtert vieles, schafft aber auch ständige Erreichbarkeit, sozialen Vergleich, Cybermobbing und kaum noch echte Ruhezeiten.
Außerdem wachsen längst nicht alle Kinder im Wohlstand auf. Die deutlich höheren Belastungswerte in einkommensschwachen Familien zeigen, wie unterschiedlich die Lebenswelten der Schüler sind.
War Schule früher wirklich leichter?
Ältere Generationen dürften sich dennoch fragen, ob bereits das Lernen am Wochenende ein Beleg für außergewöhnlichen Leistungsdruck ist. Samstagsunterricht, strenge Lehrer, wenig Mitbestimmung, schlechte Noten und harte Sanktionen gehörten früher für viele zum Schulalltag. Hinzu kamen die Mithilfe im Haushalt oder im elterlichen Betrieb und wesentlich weniger individuelle Förderung.
Über psychische Probleme wurde allerdings kaum gesprochen. Wer nicht mithalten konnte, galt schnell als faul, unbegabt oder undiszipliniert. Ein seriöser Generationenvergleich ist daher schwierig. Früher wurde weniger gefragt, weniger diagnostiziert und vermutlich auch weniger offen über Ängste gesprochen. Das Schulbarometer erfasst die heutige Wahrnehmung, vergleicht aber nicht die schulischen Anforderungen über mehrere Jahrzehnte.
Bessere Abiturnoten, aber weniger Wissen
Zweifel an einer allgemeinen Überforderung weckt die Entwicklung der Schulabschlüsse. Im Jahr 2024 erreichten bundesweit 30,7 Prozent der Abiturienten einen Notendurchschnitt zwischen 1,0 und 1,9. Im Jahr 2006 waren es lediglich 20,1 Prozent.
Gleichzeitig sinken die Leistungen in objektiven Vergleichstests. Nach dem IQB-Bildungstrend 2024 werden die Bildungsstandards in Mathematik und den Naturwissenschaften seltener erreicht als 2018 beziehungsweise 2012. In Mathematik verfehlten rund 34 Prozent der Neuntklässler den Mindeststandard für den Mittleren Schulabschluss (siehe IQB-Bildungstrend 2024).
Damit entsteht ein bemerkenswerter Widerspruch: Die Abiturnoten werden besser, während die gemessenen Kompetenzen sinken. Das spricht zumindest nicht dafür, dass die schulischen Anforderungen generell immer höher werden. Mögliche Erklärungen sind veränderte Prüfungen, andere Bewertungsmaßstäbe oder eine gewisse Noteninflation. Bessere Abschlusszeugnisse sind jedenfalls kein sicherer Beleg für bessere Leistungen.
Überfordert und gelangweilt zugleich
Etwa zwei Drittel der Befragten fühlen sich zumindest in einigen Unterrichtsstunden überfordert. Gleichzeitig klagt mehr als ein Drittel häufig über Langeweile. Das deutet weniger auf einen insgesamt zu anspruchsvollen Unterricht als auf ein Passungsproblem hin. In sehr unterschiedlichen Klassen werden einige Schüler überfordert, während andere unterfordert bleiben. Hinzu kommen Lehrkräftemangel, Unterrichtsausfall, Sprachprobleme, große Klassen und häufige Unterrichtsstörungen. Bereits in der Studie von 2024 berichteten 83 Prozent der Schüler von solchen Störungen.
Fordern ist nicht automatisch Überfordern
Eine ganze Generation als „verweichlicht“ zu bezeichnen, wäre zu einfach. Mobbing, soziale Not, Einsamkeit und psychische Auffälligkeiten sind reale Probleme, die ernst genommen werden müssen. Umgekehrt darf nicht jede unangenehme Anforderung als gesundheitsschädlicher Stress bewertet werden. Lernen kostet Anstrengung, Prüfungen erzeugen Anspannung, und Hausaufgaben am Wochenende sind noch keine Erkrankung.
Schule muss junge Menschen fordern dürfen. Schüler müssen auch lernen, mit Druck, Pflichten, Kritik und Misserfolgen umzugehen. Entscheidend ist die Grenze zwischen einer angemessenen Herausforderung und einer dauerhaften Überforderung. Das Schulbarometer liefert dafür wichtige Hinweise. Es beweist aber nicht, dass heutige Schüler objektiv mehr leisten müssen als frühere Generationen.
Das Fazit fällt deshalb differenziert aus: Der Mehrheit der Schüler geht es gut, ein relevanter Teil benötigt jedoch Unterstützung. Gleichzeitig darf Schule nicht aus Angst vor Stress immer anspruchsloser werden. Sinkendes Wissen bei steigenden Abschlussnoten wäre weder fürsorglich noch gerecht.
Quelle: Robert Bosch Stiftung: Deutsches Schulbarometer 2025/26
Foto: KI-generiertes Bild
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