Kommentar: Der Wäscheständer, das unbekannte Wesen des Sperrmülls
22.09.2026Es gibt Dinge, die einem erst auffallen, wenn man darauf achtet. Ampeln zum Beispiel. Oder Menschen, die im Supermarkt grundsätzlich genau die Schlange wählen, die als Letzte vorankommt. Und dann gibt es Wäscheständer.
Seit einiger Zeit scheint mir, als gehöre der Wäscheständer zur Grundausstattung eines jeden Sperrmüllhaufens. Sofa? Klar. Alter Teppich? Selbstverständlich. Irgendein Schrank, dessen Bestimmung schon vor Jahren niemand mehr kannte? Gehört dazu. Aber mit erstaunlicher Regelmäßigkeit liegt daneben: ein Wäscheständer.
Meistens nicht irgendeiner. Sondern einer dieser klassischen klappbaren Wäscheständer, silbern oder schwarz, an den Seiten leicht verbogen, vielleicht mit einem fehlenden Plastikfuß. Ein Gegenstand, der offensichtlich viele Jahre treue Dienste geleistet hat und nun sein Dasein zwischen Matratze und Spanplatte beendet.
Aber warum eigentlich?
Denn Wäscheständer sind ja keine Dinge, die man nach einmaliger Benutzung entsorgt. Im Gegenteil. Sie gehören zu den erstaunlich langlebigen Haushaltsgegenständen. Man kauft einen, stellt ihn auf, hängt Wäsche daran, und irgendwann steht er einfach da. Wochenlang. Jahrelang. Vielleicht sogar Jahrzehnte.
Und trotzdem: Sperrmüll voller Wäscheständer. Die naheliegende Vermutung lautet: Der Trockner ist schuld.
Wer einen Wäschetrockner besitzt, braucht den Wäscheständer tatsächlich deutlich seltener. Handtücher, Bettwäsche, Socken – alles rein in die Trommel, fertig. Der Wäscheständer bleibt für empfindliche Kleidungsstücke, ein paar Hemden oder den Notfall. Und irgendwann stellt sich die Frage: Brauche ich dieses sperrige Gestell eigentlich noch?
Aber damit wäre das Rätsel noch nicht gelöst. Denn wenn die alten Wäscheständer verschwinden, müssten ja trotzdem neue nachkommen. Schließlich hängt auch im Haushalt ohne Trockner irgendwann wieder die Wäsche.
Vielleicht ist der Wäscheständer deshalb ein bemerkenswertes Beispiel für unsere Konsumgesellschaft: ein Gegenstand, der so billig und selbstverständlich geworden ist, dass man ihn nicht repariert, sondern ersetzt. Ein kaputter Fuß? Neuer Wäscheständer. Eine verbogene Strebe? Neuer Wäscheständer. Rost an zwei Stellen? Neuer Wäscheständer.
Und vielleicht kaufen wir tatsächlich viel mehr davon, als wir denken. Das Schöne an der Sache ist: Der Wäscheständer ist gleichzeitig ein Gewinner und ein Verlierer der modernen Hausarbeit. Er wird gebraucht, aber immer weniger. Er wird gekauft, aber offenbar auch schnell wieder aussortiert. Und wenn man sich die Sperrmüllhaufen anschaut, könnte man fast glauben, jeder Haushalt hätte einen Wäscheständer-Verschleiß von drei Stück pro Jahrzehnt.
Vielleicht sollte man deshalb beim nächsten Sperrmüllhaufen einmal genauer hinsehen. Nicht auf das alte Sofa. Nicht auf den Fernseher. Sondern auf die Wäscheständer. Und sich fragen: Wo kommen die eigentlich alle her?
Eine ziemlich banale Frage. Aber vielleicht steckt dahinter eine erstaunliche Geschichte über Trockner, billige Haushaltswaren und die Dinge, die wir kaufen, obwohl wir sie eigentlich ewig benutzen könnten.
Kommentar und Symbolfoto anzeiger24.de: Bettina Lyko
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