Duzen ist das neue Siezen – was meint ihr?
27.09.2026Früher war die Sache ziemlich einfach: Wer sich nicht kannte, siezte sich. Irgendwann bot einer dem anderen das Du an und damit war die Sache geregelt. Heute scheint es genau andersherum zu laufen. Das Du ist vielerorts zum Standard geworden, das Sie fast schon zur Ausnahme. Im Internet sowieso, in Geschäften immer häufiger und selbst im Restaurant kann man eine interessante sprachliche Wandlung beobachten.
Im Restaurant werden aus Gästen Freunde
Wer allein am Tisch sitzt, hört vom Kellner vielleicht noch: „Haben Sie schon gewählt?“ Sitzen zwei Menschen am Tisch, kann sich das schlagartig ändern: „Habt ihr schon gewählt?“ „Darf ich euch noch was zu trinken bringen?“ „Seid ihr soweit?“
Eine bemerkenswerte Entwicklung: Ein Fremder wird gesiezt, zwei Fremde werden geduzt. Dabei ist das „ihr“ sprachlich natürlich korrekt. Es ersetzt in der Mehrzahl aber zunehmend das förmlichere „Sie“. Und damit verändert sich gleichzeitig der Ton. Aus Gästen werden zumindest sprachlich beinahe Bekannte.
Auch Unternehmen sind plötzlich unsere Freunde
Noch deutlicher wird der Trend im Internet. Online-Shops begrüßen uns mit: „Schön, dass du da bist!“ „Entdecke, was zu dir passt!“ „Wir haben etwas ganz Besonderes für dich!“
Dabei kennt uns der Online-Shop überhaupt nicht. Trotzdem spricht er mit uns, als würden wir uns seit Jahren kennen. Auch Banken, Versicherungen, Mobilfunkanbieter oder Fitnessstudios setzen zunehmend auf das Du. Dahinter steckt durchaus Kalkül: Das Du soll Nähe schaffen, modern wirken und Distanz abbauen.
Aber will eigentlich jeder diese Nähe?
Selbst das Sie klingt inzwischen verdächtig
Interessanterweise hat sich dadurch auch die Wahrnehmung des „Sie“ verändert. Wer heute konsequent siezt, wirkt auf manche Menschen plötzlich förmlich, distanziert oder sogar altmodisch.
Dabei kann das Sie durchaus etwas Angenehmes haben. Es schafft höfliche Distanz, ohne unfreundlich zu sein. Nicht jeder Mensch, mit dem wir einkaufen, essen gehen oder Geschäfte machen, muss schließlich gleich zu unserem persönlichen Bekanntenkreis gehören.
Das Du wiederum ist keineswegs automatisch herzlicher. Ein unfreundliches „Du“ bleibt unfreundlich und ein freundliches „Sie“ kann ausgesprochen persönlich und respektvoll wirken.
Wie weit geht das noch?
Vielleicht erleben wir gerade einfach einen gesellschaftlichen Wandel. Sprache verändert sich, Umgangsformen verändern sich und vermutlich wird das Du in vielen Bereichen weiter an Boden gewinnen.
Merkwürdig bleibt allerdings, dass diese Vertrautheit häufig gar nicht zwischen Menschen entsteht, sondern von Unternehmen, Marketingabteilungen oder Bedienkonzepten vorgegeben wird.
Und so gelten offenbar neue Regeln:
Einer wird gesiezt. Zwei werden geduzt. Drei sind eine Community. Und ab vier heißt es: „Hey Leute!“
Und was meint ihr?
Ist das Du tatsächlich das neue Sie?
Empfinden „Sie“ das ungefragte Du als angenehm und zeitgemäß oder wünschen Sie sich manchmal ein bisschen mehr sprachliche Distanz zurück?
Idee: Redaktion anzeiger24.de
Foto: KI-generiertes Bild
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