AfD triumphiert bei Landtagswahl in Sachsen-Anhalt – Stärkste Kraft, aber klare Mehrheit knapp verfehlt
06.09.2026Vorhergesagtes politisches Erdbeben ist eingetroffen – Schockstarre bei anderen Parteien – BSW könnte Zünglein an der Waage werden
Das politische Erdbeben, das Umfrage-Seismographen bereits angekündigt hatten, ist eingetroffen: Die AfD hat die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September 2026 mit großem Abstand gewonnen. Mit 44,3 Prozent (Erststimme), bzw. 43,8 Prozent (Zweitstimme) erzielt die Partei von Spitzenkandidat Ulrich Siegmund ihr bislang stärkstes Ergebnis bei einer Landtagswahl und wird erstmals in Sachsen-Anhalt stärkste politische Kraft.


Das Wahlergebnis
Die CDU erlebt dagegen ein historisches Debakel. Sie kommt nur noch auf 17,2 Prozent (Erststimme) – und damit auf ihr schlechtestes Ergebnis in Sachsen-Anhalt. SPD, Grüne und Linke schaffen jeweils den Einzug in den Landtag. Auch das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) überspringt mit 5,3 Prozent knapp die Fünf-Prozent-Hürde. Die FDP scheitert mit 2,6 Prozent am Einzug.
Damit hat die Wahl nicht nur die politischen Kräfteverhältnisse im Land grundlegend verändert. Sie stellt auch die bislang geltenden Regeln für die Regierungsbildung auf eine harte Probe.
Die AfD kommt auf 43,8 Prozent und erhält 39 der insgesamt 83 Sitze im Landtag. Die CDU erreicht 17,2 Prozent und 15 Mandate. Die SPD kommt auf 9,3 Prozent, die Grünen auf 8,9 Prozent und die Linke auf 8,6 Prozent. Alle drei Parteien erhalten jeweils acht Sitze.
Das BSW zieht mit 5,3 Prozent und fünf Sitzen erstmals in den Landtag ein. Die FDP scheitert mit 2,6 Prozent deutlich an der Fünf-Prozent-Hürde.

Die Wahlbeteiligung lag mit 77,8 Prozent so hoch wie nie zuvor bei einer Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Laut Wahlanalysen haben sogar knapp 30 Prozent der Erstwähler ihr Kreuz bei der AfD gemacht.
Das Ergebnis bedeutet zugleich: Die AfD hat zwar einen überwältigenden Vorsprung, verfehlt aber die absolute Mehrheit der Sitze. Für eine Alleinregierung fehlen ihr drei Mandate.
Alle Wahlergebnisse im Detail gibt es hier.
Damit beginnt nach dem Wahlsieg die weitaus kompliziertere Frage: Wer ermöglicht künftig eine Regierung in Magdeburg?
Die Mehrheits-Optionen – wer regiert jetzt?
Eine klassische Regierungsbildung ist schwierig. Eine Fortsetzung der bisherigen schwarz-rot-gelben Koalition ist nach dem Ausscheiden der FDP aus dem Landtag nicht möglich. Auch eine schwarz-rot-grüne Konstellation erreicht keine Mehrheit.
Die AfD selbst setzt auf eine Alleinregierung. Spitzenkandidat Ulrich Siegmund erklärte, dies sei derzeit das einzig logische Ziel. Eine Minderheitsregierung oder eine bloße Tolerierung lehnt er ausdrücklich ab. Zugleich wolle die Partei die Hand ausstrecken, falls sich ein Partner finde, mit dem sie ihre politischen Kernziele umsetzen könne.
AfD-Landeschef Martin Reichardt kündigte Gespräche mit anderen Parteien an. Man werde mit denjenigen sprechen, bei denen es in einzelnen politischen Fragen Gemeinsamkeiten gebe. Auch Bundeschefin Alice Weidel wertete das Ergebnis als klaren Regierungsauftrag und stellte Gespräche sowie mögliche Unterstützung aus anderen Fraktionen in Aussicht.
Das Problem: Die AfD braucht für eine eigene Regierung Stimmen von außerhalb ihrer Fraktion.
Eine Schlüsselrolle kommt deshalb dem BSW zu. Die Partei hat sich deutlich offener gegenüber einer Zusammenarbeit in einzelnen Sachfragen gezeigt als die übrigen Parteien. BSW-Spitzenkandidatin Claudia Wittig argumentiert, eine Partei mit mehr als 40 Prozent der Stimmen könne nicht grundsätzlich von jeder Zusammenarbeit ausgeschlossen werden. Das BSW wolle politische Entscheidungen vielmehr von konkreten Projekten abhängig machen.
Eine Zusammenarbeit bei rechtsextremen Projekten schloss Wittig aus. Bei Themen wie den Energiepreisen könne man dagegen durchaus gemeinsam nach Lösungen suchen.
Gleichzeitig will das BSW weder AfD-Spitzenkandidat Siegmund noch CDU-Ministerpräsident Sven Schulze wählen. Stattdessen wirbt die Partei für einen überparteilichen Ministerpräsidenten, der sich für einzelne Vorhaben wechselnde Mehrheiten suchen müsste. Sollte es keine andere Möglichkeit geben, schließt Wittig eine Enthaltung bei der Ministerpräsidentenwahl nicht aus.
Damit könnte das BSW zum entscheidenden Faktor werden – auch wenn es eine formelle Koalition mit der AfD derzeit nicht ankündigt.
Für die Wahl des Ministerpräsidenten gelten zudem besondere Regeln: Zunächst ist eine Mehrheit der Mitglieder des Landtags erforderlich. Scheitern die ersten Wahlgänge, kann es schließlich zu einer Abstimmung kommen, bei der die Mehrheit der abgegebenen Stimmen entscheidet.
SPD: Selbstkritik und klare Abgrenzung zur AfD
SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf sieht auch die Bundesregierung in der Verantwortung für das Ergebnis. Die SPD müsse deutlicher erklären, wohin sie politisch wolle. Viele Menschen seien durch die Reformen der Bundesregierung verunsichert worden.
Klüssendorf kritisierte zugleich die Rhetorik von Bundeskanzler Friedrich Merz. Reformen könnten nur mit den Menschen und nicht gegen sie umgesetzt werden. Gerade bei Themen wie Rente, Pflege, Gesundheit und Spritpreisen müsse die SPD im Herbst nachsteuern.
Eine Mehrheit unter Beteiligung der AfD lehnt Klüssendorf klar ab. Er hoffe, dass das BSW mit den anderen demokratischen Parteien darüber spreche, wie eine Mehrheit ohne die AfD zustande kommen könne.
Die stellvertretende SPD-Vorsitzende Petra Köpping forderte ebenfalls eine intensive Analyse. Bundes- und Landespolitik müssten enger zusammengedacht werden. Das Ergebnis zeige, wie groß die Unzufriedenheit vieler Menschen sei.
Gleichzeitig warnte Köpping davor, die AfD wie eine normale demokratische Partei zu behandeln. Die Partei sei in Sachsen-Anhalt als rechtsextrem eingestuft. Deshalb müsse es darum gehen, Mehrheiten unter den demokratischen Parteien zu organisieren.
CDU: Niederlage, aber kein Kurswechsel bei Merz
Für die CDU bedeutet das Ergebnis einen historischen Rückschlag. Generalsekretärin Franziska Hoppermann räumte ein, dass die Partei Schwierigkeiten habe, die Menschen mit ihrer Politik zu erreichen. Gleichzeitig bekräftigte sie den Unvereinbarkeitsbeschluss gegenüber der Linken. Eine Zusammenarbeit werde nicht zur bloßen Herstellung einer rechnerischen Mehrheit aufgegeben.
Noch deutlicher positionierte sich Philipp Amthor. Trotz der schweren Niederlage stellte er sich hinter Bundeskanzler und CDU-Chef Friedrich Merz. Merz sei der richtige Parteivorsitzende und der richtige Bundeskanzler.
Amthor sieht die Ursachen des Wahlergebnisses auch in Versäumnissen der Vergangenheit. Die Bundesregierung müsse ihren Reformkurs deshalb fortsetzen. Zugleich warnte er vor der AfD, die aus seiner Sicht Institutionen verächtlich mache und die Gesellschaft weiter polarisiere.
Eine Zusammenarbeit mit der AfD schloss Amthor kategorisch aus. Gerade das Wahlergebnis bestärke ihn in seiner Haltung zur politischen Abgrenzung.
Grüne: Erleichterung trotz AfD-Erfolg
Bei den Grünen überwog nach der Wahl zunächst die Erleichterung. Co-Parteichef Felix Banaszak verwies darauf, dass seine Partei in Umfragen noch wenige Monate zuvor bei etwa drei Prozent gelegen habe. Mit 8,9 Prozent habe sie nun ihr bislang bestes Ergebnis bei einer Landtagswahl in Sachsen-Anhalt erreicht.
Banaszak führte den Erfolg vor allem auf die direkte Ansprache der Bürger zurück. Die Grünen hätten keinen Wahlkampf aus großer Distanz geführt, sondern auf Gespräche an Haustüren und bei Veranstaltungen gesetzt.
Gleichzeitig warnte er davor, die AfD-Wähler pauschal als überzeugte Rechtsextremisten zu betrachten. Viele Menschen seien vor allem frustriert über die politische Entwicklung. Diese Unzufriedenheit müsse ernst genommen werden.
Die Linke: „Katastrophales Ergebnis“
Die Linken-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Heidi Reichinnek, bezeichnete das Abschneiden ihrer Partei als enttäuschend und das Gesamtergebnis als „katastrophal“.
Die Hauptverantwortung für den Erfolg der AfD sieht Reichinnek in der Politik der Bundesregierung. Die AfD profitiere aus ihrer Sicht vor allem von einem politischen Umfeld, in dem soziale Unsicherheit und Unzufriedenheit zunähmen.
Reichinnek forderte zugleich die CDU auf, ihren Unvereinbarkeitsbeschluss gegenüber der Linken zu überdenken. Die Union müsse sich fragen, welche politischen Bündnisse künftig notwendig seien, um der AfD etwas entgegenzusetzen.
FDP: Kubicki stellt Brandmauer infrage
Für die FDP endet die Wahl mit einem besonders bitteren Ergebnis: Mit 2,6 Prozent scheitert sie deutlich am Wiedereinzug in den Landtag.
FDP-Politiker Wolfgang Kubicki stellte zugleich den bisherigen Umgang der demokratischen Parteien mit der AfD infrage. Die sogenannte Brandmauer sei ein zu kurzes politisches Denken. Statt die AfD lediglich auszugrenzen, müsse man sich stärker mit ihren politischen Argumenten auseinandersetzen und offensiv widersprechen.
Für die FDP selbst räumte Kubicki ein, dass die bisherigen politischen Methoden im polarisierten Wahlkampf offensichtlich nicht funktioniert hätten. Für kommende Wahlen kündigte er an, sich für ein besseres Abschneiden seiner Partei einzusetzen.
Zusammenstellung: KA
Quelle: Land Sachsen-Anhalt / phoenix
Titelfoto: TillVoigt/Pixabay
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