SPD fordert Social-Media-Verbot für Kinder unter 14 Jahren
16.02.2026Mehr Schutz vor Sucht – Ist das rechtlich und technisch überhaupt machbar?
Die SPD wagt einen Vorstoß in einer Debatte, die seit Jahren an Schärfe gewinnt: Kinder unter 14 Jahren sollen nach dem Willen führender Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten keinen Zugang mehr zu sozialen Netzwerken haben. Ein entsprechendes Impulspapier aus Partei, Bundestagsfraktion, Europaparlament und Ländern sieht ein strikt altersgestuftes Modell vor – samt technischer Zugangssperren, verpflichtender Jugendversionen und empfindlicher Sanktionen bei Verstößen.
Drei Altersgruppen, klare Regeln
Kern des Konzepts ist eine Einteilung in drei Altersgruppen. Für unter 14-Jährige soll ein vollständiges Verbot gelten. Plattformanbieter müssten den Zugang „technisch wirksam unterbinden“. Bei systematischen Verstößen drohen nach Vorstellung der SPD „sofortige Anordnungen“, „empfindliche Sanktionen“ bis hin zu temporären Einschränkungen oder Netzsperren als Ultima Ratio.
Für Jugendliche zwischen 14 und 16 Jahren soll eine verpflichtende Jugendversion der Plattformen eingeführt werden. Diese dürfte weder algorithmisch gesteuerte Feeds noch personalisierte Empfehlungssysteme enthalten. Auch suchtverstärkende Funktionen wie Endlos-Scrollen, automatisches Abspielen von Inhalten, Push-Benachrichtigungen, Gamifizierung oder Belohnungssysteme auf Grundlage intensiver Nutzung sollen untersagt werden.
Ab 16 Jahren schließlich sollen algorithmische Empfehlungssysteme standardmäßig deaktiviert sein. Wer personalisierte Vorschläge erhalten möchte, müsste sich aktiv dafür entscheiden – ein sogenanntes Opt-in-Modell.
Alterskontrolle per digitaler Brieftasche
Zentral für die Umsetzung ist die sogenannte EU Digital Identity Wallet (EUDI-Wallet), eine von der EU definierte digitale Identitätslösung. In dieser „Brieftasche“ können etwa Personalausweis oder Führerschein gespeichert werden. Nach den derzeitigen Planungen soll sie ab 2027 EU-weit zur Verfügung stehen.
Kinder unter 16 Jahren sollen sich nach SPD-Vorstellungen ausschließlich über die Wallet ihrer Erziehungsberechtigten anmelden können. Jugendliche ab 16 Jahren müssten ihre eigene digitale Identität nutzen. Damit verbindet die Partei die Hoffnung auf eine verlässliche Altersverifikation – ein bislang ungelöstes Problem in der Regulierung sozialer Medien.
„Rückkehr zum klassischen Social Media“, ohne Algorithmen
Inhaltlich versteht die SPD ihren Vorstoß als „Rückkehr zum klassischen Social-Media-Prinzip“. Nutzerinnen und Nutzer sollten wieder primär Inhalte von Accounts sehen, denen sie aktiv folgen – nicht mehr algorithmisch verstärkte Beiträge, die verdeckt priorisieren und Nutzungszeiten maximieren.
Betroffen wären alle großen Netzwerke, die in Deutschland populär sind – darunter Instagram, Facebook, TikTok, Snapchat und Pinterest. Sie müssten nach dem SPD-Papier deutlich mehr Verantwortung für den Schutz Minderjähriger übernehmen.
Zu den Unterzeichnern zählen unter anderem der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Armand Zorn, der Digitalpolitiker Johannes Schätzl, Bundesjustizministerin Stefanie Hubig sowie die Ministerpräsidentinnen und -präsidenten Manuela Schwesig und Alexander Schweitzer. Auch Katarina Barley, Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments, unterstützt den Vorstoß.
Rechtliche Hürden auf europäischer Ebene
Doch der Plan wirft erhebliche rechtliche Fragen auf. Zentrale Norm für Onlineplattformen ist der Digital Services Act (DSA), eine EU-weit geltende Verordnung. Viele Juristen sehen darin eine „vollharmonisierende“ Regelung – nationale Alleingänge wären demnach unzulässig. Hinzu kommt das sogenannte Herkunftslandprinzip: Für Plattformen ist grundsätzlich das EU-Land zuständig, in dem sie ihren Sitz haben – bei vielen großen Anbietern ist das Irland. Nationale Sonderregeln liefen damit ins Leere.
Die SPD räumt diese Problematik ein und plädiert langfristig für eine europäische Lösung, etwa im Rahmen eines geplanten „Digital Fairness Act“. Sollte bis Sommer 2026 keine Einigung auf EU-Ebene in Sicht sein, behält sich die Partei jedoch nationale Schritte vor.
Verhältnismäßig oder überzogen?
Auch inhaltlich ist der Vorschlag umstritten. Medienrechtler weisen darauf hin, dass ein Totalverbot Grundrechte von Jugendlichen, Eltern und Plattformbetreibern berühren würde. Zudem sei bislang keine technisch ausgereifte Altersverifikation verfügbar; Jugendliche könnten Sperren etwa über VPN-Dienste umgehen.
Befürworter verweisen dagegen auf Studien, die intensive Nutzung sozialer Medien mit psychischen Belastungen wie Depressionen oder Angststörungen in Verbindung bringen. Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina empfiehlt in einem Diskussionspapier ebenfalls Altersgrenzen und eine strengere Regulierung personalisierter Inhalte.
Die Debatte ist damit neu entfacht – zwischen Kinderschutz, Grundrechten und europäischer Kompetenzordnung. Ob der SPD-Vorstoß zu einer gesetzlichen Initiative führt oder vor allem Druck für eine EU-weite Lösung erzeugen soll, dürfte sich in den kommenden Monaten entscheiden. Klar ist: Die Frage nach dem richtigen Maß an Regulierung digitaler Plattformen wird die Politik weiter beschäftigen.
Quelle: tagesschau / Die Zeit / ntv
Weitere Nachrichten gibt es unter www.anzeiger24.de und Deutschland-News
Du hast einen Tipp, eine Anregung, zu welchem Thema wir einmal recherchieren sollten?
Schreib uns an [email protected]. Deine Zuschrift wird streng vertraulich behandelt!
Ihr wollt uns Eure Meinung sagen? Gerne per Mail an
oder als Kommentar bei Facebook
unter DeinHilden, DeinLangenfeld, DeinMonheim, DeinHaan oder DerLeverkusener.
Euch hat unser Beitrag gefallen? Dann liked und teilt ihn gerne.
